
Wie aus „Es ist okay, dass ich hier bin" ein echtes Freisein wird

Wie aus „Es ist okay, dass ich hier bin" ein echtes Freisein wird
Der Bikini liegt seit Tagen oben in der Tasche. Am Strand angekommen breitest du das Handtuch aus, setzt dich, und das Erste, was du tust, ist schauen. Wer liegt in der Nähe. Wer könnte hersehen, wenn du gleich aufstehst. Mit Lipödem ist der Weg vom Handtuch zum Wasser manchmal der längste des ganzen Tages.
Und während alle um dich herum einfach da sind, bist du beschäftigt. Ein Teil von dir liegt nie ganz in der Sonne. Er ist wach, er rechnet, er sucht in fremden Gesichtern nach einem Urteil. Du hast gelernt, das so leise zu tun, dass es niemand merkt. Die meiste Zeit nicht einmal du selbst. Aber es kostet dich den halben Strandtag. Ich kenne diesen halben Tag. Ich habe ihn lange für normal gehalten.
Vielleicht hast du dir längst erarbeitet, dass dein Körper sein darf. Dass es okay ist, hier zu sein, im Bikini, mit diesen Beinen. Das ist groß. Wirklich groß. Akzeptanz ist der Tag, an dem du aufhörst, gegen dich zu kämpfen. Aber Akzeptanz ist ein Waffenstillstand, und einen Waffenstillstand musst du halten. Ein Teil von dir bleibt wachsam. Es ist okay, dass ich hier bin, denkst du, und in diesem Satz steckt noch die kleine Frage, ob die anderen das genauso sehen.
Liebe ist der Schritt danach. Sie ist nichts, was du hältst. Sie ist der Moment, in dem du auf deiner eigenen Seite stehst, ohne dass es dich Kraft kostet. Und genau da passiert das, was du suchst, wenn du dir wünschst, dass dir das alles rundherum egal wäre. Es wird dir egal. Nicht, weil weniger Menschen hersehen. Sondern weil du aufgehört hast, auf ein Urteil zu warten, das du längst selbst gefällt hast. Sobald du dich für dich entschieden hast, hat niemand sonst mehr eine Stimme.
Frag dich einmal ganz ehrlich: Auf wessen Urteil wartest du da eigentlich noch? Wenn du am Strand jeden fremden Blick abscannst, dann suchst du eine Erlaubnis, die nur du dir geben kannst. Niemand auf diesem Strand kennt dich. Niemand weiß, was dein Körper dich schon getragen hat, durch welche Jahre, durch welche Tage mit Lipödem oder Lymphödem, an denen Aufstehen allein schon Mut war. Die Einzige, deren Stimme hier wirklich zählt, liegt auf dem Handtuch und hält den Atem an.
Du musst dafür nicht plötzlich strahlen. Mach es dir kleiner. Wenn du das nächste Mal am Wasser sitzt, lenk die Aufmerksamkeit einmal weg von dem, was man an dir sehen könnte, hin zu dem, was du spürst. Das Wasser an den Knöcheln. Der Sand, der unter den Füßen nachgibt. Die Sonne auf den Schultern. Dein Körper ist in diesem Moment nichts, was du zeigst. Er ist das, womit du den Sommer spürst. Bleib einen Atemzug länger bei diesem Gedanken, als du es sonst tust.
Und wenn der alte Reflex zurückkommt, der Blick in die Runde, das schnelle Prüfen, dann verurteile dich nicht dafür. Leg ihn sanft beiseite, wie eine Gewohnheit, die du langsam entlässt. Selbstliebe heißt nicht, dass die Wachsamkeit nie wiederkommt. Sie heißt, dass du sie jedes Mal ein bisschen schneller gehen lässt.
Der Strand gehört dir genauso wie allen anderen. Das Wasser fragt nicht, wie deine Beine aussehen. Es ist einfach kühl, wenn du hineingehst. Also geh hinein.
