Zwei Wochen Zweifel und ein Abend, der sie alle widerlegt hat

June 07, 20263 min read
Bühne beim Fly-with-me-Festival am Abend: ein rundes Schild mit der Aufschrift Fly with me über einer blau leuchtenden LED-Wand, davor die Silhouetten der Besucher.
Manchmal wartet die schönste Erfahrung genau dort, wo deine Angst dir abrät hinzugehen. Für mich war dieser Abend so ein Ort.

Zwei Wochen Zweifel und ein Abend, der sie alle widerlegt hat

Es gibt diesen einen Moment, in dem du Ja sagst. Und dann gibt es all die Tage danach, an denen du dich fragst, warum.

Vor zwei Wochen habe ich zugesagt. Ich wollte Teil des Awareness-Teams auf dem Fly-with-me-Festival sein, eine neue Erfahrung, etwas, das ich so noch nie gemacht hatte, schon gar nicht als Frau, die mit Lipödem lebt. In dem Moment fühlte es sich mutig und richtig an. Doch mit jedem Tag, der das Festival näher brachte, wurden die Zweifel lauter.

Da war zuerst mein Schlaf. Ich gehe sonst zwischen acht und neun ins Bett. An diesem Abend sollte ich bis zwei Uhr nachts vor Ort sein und danach noch nach Hause fahren. Drei Uhr früh, rechnete ich mir aus. Wie soll das gehen. Und dann waren da meine Beine. Mit Lipödem weiß ich nie genau im Voraus, ob ich die Schmerzen so weit in den Griff bekomme, dass ich wirklich einsatzfähig bin. Am Freitag davor hatte ich noch Wassergymnastik, und die bringt mich jedes Mal an meine Grenze.

Vielleicht kennst du diese Rechnung. Du sagst nicht Nein, weil du nicht willst. Du sagst Nein, weil du nicht weißt, ob dein Körper mitspielt. Weil du gelernt hast, vorher durchzurechnen, was dich ein Abend kostet. Wie oft hast du schon abgesagt, nicht aus Unlust, sondern aus dieser leisen Angst, dass dein Körper dich mitten in der Sache im Stich lässt?

Das ist der eigentliche Zweifel. Nicht der an der Sache. Nicht der an dir.

Und genau hier beginnt etwas, das ich Veränderung nenne. Nicht das mutige Leben über Nacht, nicht der Sprung, von dem alle reden. Sondern die eine kleine Entscheidung, die sich nach Angst anfühlt, und die du trotzdem triffst. Ich habe Ja gesagt, bevor ich wusste, wie der Abend ausgeht. Ich habe mich entschieden, ohne die Garantie, dass mein Körper das Versprechen halten würde. Das ist keine Tapferkeit für ein Foto. Das ist die stille Entscheidung, deinem Leben mehr zuzutrauen als deiner Angst.

Und dann war der Abend da. Und all die Zweifel waren umsonst. Meine Beine haben hervorragend mitgespielt. Eine neue Bindung meiner Schuhe hat die Fußrücken entlastet, und auch die Wahl der Schuhe war richtig, kleine Dinge, über die ich vorher nachgedacht hatte und die genau deshalb getragen haben. Ich war bis zum Ende nicht wirklich müde. Ich bin im Regen noch gut mit dem Auto nach Hause gekommen.

Was mich aber am meisten berührt hat, war etwas anderes. Wie dankbar die Menschen waren, dass es dieses Awareness-Team überhaupt gibt. Viele haben es ausgesprochen, einfach so, im Vorbeigehen. Ich war hingefahren mit der Frage, ob ich das schaffe. Und gegangen bin ich mit dem Gefühl, gebraucht worden zu sein.

Diese Erfahrung gab es nur auf der anderen Seite der Komfortzone. Vom Sofa aus hätte ich sie nicht machen können. Von dort sieht jeder Zweifel aus wie eine vernünftige Entscheidung. Bleib zu Hause, schone dich, du weißt ja, wie es dir sonst geht. Das klingt fürsorglich. Manchmal ist es das auch. Aber manchmal ist es nur die Angst, die sich Vernunft nennt.

Ich sage nicht, dass du über deine Grenzen gehen sollst. Dein Körper hat echte Grenzen, und du darfst sie achten. Ich sage nur, dass nicht jeder Zweifel eine Grenze ist. Manche Zweifel sind einfach das Unbekannte, das sich groß macht, weil du noch nie dort warst.

Du musst dafür nicht zu einem Festival fahren. Such dir für diese Woche ein einziges kleines Ja. Etwas, das du sonst absagst, weil du vorher durchrechnest, was es kostet. Eine Verabredung, ein Spaziergang an einem ungewohnten Ort, ein Treffen, das später endet als sonst. Triff die Entscheidung, bevor du die Garantie hast. Und dann schau, was wirklich passiert, statt dem zu glauben, was die Angst dir vorher erzählt.

Vielleicht spielt dein Körper mit. Vielleicht auch nicht ganz. Aber du wirst etwas wissen, das du vom Sofa aus nie erfahren hättest. Dass du es gewagt hast. Und dass du mehr bist als die Summe deiner Zweifel.


Marion Schumann

Marion Schumann

Ich bin Marion. Ich begleite Frauen mit Lip- und Lymphödem auf dem Weg zu mehr Körperakzeptanz – als Mentorin, nicht als Lehrerin. Ich stehe nicht vor dir, sondern neben dir, weil ich diesen Weg selbst gegangen bin. Mit Body Revolt zeige ich dir keinen schnellen Fix und kein "Danach bist du glücklich". Ich begleite eine Entscheidung: den Moment, in dem du dich entscheidest, dich selbst mit Liebe zu betrachten. Das verändert alles – nicht deinen Körper, sondern deinen Blick auf ihn.

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